Mein Kibbutz ist dein Kibbutz
11.05
Wir werden von quäkenden Kindern und ihren Eltern, die auch Babygeräusche machen geweckt. Es ist irgendwie ungewohnt für uns, dass morgens überhaupt Leute in der Nähe unseres Zeltes sind. Wir stehen entspannt auf und bauen alles ab. Eine nette Frau gibt Simon noch einen Kaffee und dann geht es los in Richtung Lotan. Es geht leicht bergab und wir haben nach der Bärenleistung gestern eigentlich nur noch 30km bis dorthin.
In Ne’ot Semadar wollen wir anhalten und Pause machen, doch das Kibbutz ist verschlossen und erst ab 11 Uhr für Besucher geöffnet, wenn man dem Internet glaubt. Von außen sehen wir den märchenhaften Turm des Kunstzentrums. Dieses Kibbutz funktioniert noch sehr idealistisch erfahren wir später. Es gibt keinen Besitz und die Bewohner wechseln regelmäßig die Behausungen, damit niemand Ansprüche entwickelt. Die anscheinend sehr besondere Community bleibt uns jedoch heute verschlossen und so beschließen wir, einfach bis nach Lotan durchzufahren.
Gesagt, getan. Es geht jetzt immer steiler bergab hinab in das große Tal, welches Israel und Jordanien voneinander trennt und in dem weiter nördlich auch das Tote Meer liegt. Runterfahren macht immer Spaß und wir haben mal wieder einen fantastischen Ausblick! Schnell sind wir dann auch schon in Lotan. Hier haben wir Glück und das gelbe Eingangstor öffnet sich uns beim Draufzufahren, da ein Auto herauskommt. Wir sind kaum drin, da werden wir von zwei Radfahrern mit Mountainbikes angesprochen, ob wir Kabelbinder haben. Leider nein, aber wir fixieren die lose Bremsleitung schließlich mit unserem Klebeband. Die beiden bringen uns zur Rezeption der Gästezimmer, von denen es hier im Kibbutz einige gibt.
Wir fragen erstmal, wo man hier etwas zu essen bekommt (die wichtigen Dinge zuerst!) und werden auf die Gemeinschaftsküche verwiesen. Schnell rüber geradelt und schon schlendern wir unauffällig in den Raum, in dem noch ein Frühstücksbüffet gedeckt ist. Ist zwar eigentlich nur für die Pensionsgäste, aber wir sind ja auch irgendwie Gäste finden wir.
Wir verschlingen einige Eier, Müslis und leckeres Gebäck, bevor sich ein Junge, der hier scheinbar zuhause ist neben uns setzt. Die Art, wie er weiß wo alles steht und sich lässig bedient stimmt überein mit dem was uns nun erzählt: Er heißt Naor und ist hier im Kibbutz aufgewachsen. Jetzt ist er bei der Armee, wie die meisten in seinem Alter, und ist nur kurz zu Besuch hier. Wir freunden uns direkt an und er nimmt uns mit zum Pool. Ja, es gibt einen Pool!
Wir sind im absoluten Paradies gelandet und fläzen uns glücklich auf die Wiese und Hängematte.
Zu Mittag kochen wir dann endlich unsere Spaghetti, die wir seit Tagen in der Tasche spazieren fahren. Zusammen mit Tomatensauce ist es ein passables Mittagessen, was wir netterweise in Naors Küche zubereiten dürfen. Als Soldat in der Ausbildung hat auch er ein Gewehr, welches er immer bei sich haben muss. Hier wo er zuhause ist, darf er es allerdings auch sicher verwahrt in der Wohnung aufbewahren, erklärt er uns. Es ist nach wie vor ein ungewohntes Gefühl für uns, wie sehr Waffen hier zum Alltag gehören. Nach dem Essen gehen wir wieder zum Pool, erfrischen uns ein bisschen im angenehm kühlen Wasser und schreiben unter anderem an unseren Blogposts. Gegen 17 Uhr kommt Simon, unser Gastgeber für heute Nacht, dann schließlich an und holt uns direkt mit seinem Rad ab. Gemeinsam cruisen wir zu seinem Haus.
Es liegt am Rand des Kibbutz und wir sind begeistert von der Hollywood-Schaukel und den Sofas, auf denen man es sich im Garten gemütlich machen kann. Mit Blick auf die vom Sonnenuntergang rot angestrahlten Berge Jordaniens, sitzen wir nun und trinken Anis-Schnaps mit Limo. Seine zwei Töchter kommen im Laufe des Abends vorbei und sagen Hallo. Er und seine Frau sind leider mittlerweile getrennt und so bleiben die beiden nur kurz bei uns.
Wir bekommen erstmal leckeres Fleisch mit Pasta serviert und haben tolle Unterhaltungen über unsere Reise, die Funktionsweise der Kibbutzim und die Regierung. Früher war es hier auch so, dass es eigentlich keinen Besitz gab und alle in eine gemeinsame Kasse einzahlten was auch immer sie verdienten. Von diesem Geld wurde alles bezahlt und jeder bekam den gleichen Anteil Geld wieder ausgezahlt. Wer in welchem Haus wohnte wurde vom „Ortsbeirat“ entschieden und Dinge wie Wasser, Strom und Essen gab es für jeden kostenlos. Simon erzählt uns, dass das jedoch irgendwann dazu geführt hat, dass das Leben im Kibbutz zu sehr von Politik beherrscht war.
Wir reden bis in die Nacht hinein und die Sterne zeigen sich von ihrer besten Seite. Morgen muss Simon sehr früh auf die Arbeit und so verabschieden wir uns bereits vor dem Schlafengehen. Wirklich eine unglaublich schöne Bekanntschaft, die uns fast ungläubig ob dieser selbstlosen Gastfreundschaft zurücklässt.



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