Nun sag, wie hast du's mit der Religion?
05.05
Wir wachen später auf als gedacht. Der gestrige Tag samt Busfahrt und Hostelsuche hat wohl doch an den Kräften gezehrt. Ausgeruht und frisch geduscht geht es zum obligatorischen Frühstück, eine Sache die wir in Deutschland auf jeden Fall vermissen werden. Schon hier entfaltet die Stadt ein bisschen ihre historische Bedeutsamkeit, denn wir verlieren uns bereits jetzt in eine kleine Diskussion über Gott und die Welt.
Unsere erste Station heute ist natürlich die Altstadt und so laufen wir den kurzen Weg zum Jaffa Tor. Schon von weitem kann man die Ausmaße der Festung erkennen und wenig später stehen wir auch schon im Inneren. Wir bestaunen den David Turm und stürzen uns ins Getümmel der Touristen. Ich weiß nicht was ich erwartet habe, aber irgendwie vielleicht nicht ganz so viele Touri-Läden. Wir haben kurze Flashbacks an Istanbul und treiben durch die Gassen. Es gibt unheimlich viele versteckte Seitenstraßen, Treppchen und geheimnisvolle Ecken zu entdecken und manchmal stehen wir aus Versehen fast bei jemandem im Wohnzimmer.
Irgendwann kommen wir schließlich an der Grabeskirche heraus. Der Vorteil an den kleinen Gässchen ist, dass hier keine Autos fahren dürfen. Auch die Grabeskirche selbst ist dicht umbaut von anderen, teilweise direkt angrenzenden Gebäuden.
Wir lauschen mal wieder fremden Reiseführern und trauen uns dann in den Strom von Menschen der das Gebäude durchflutet.
6 christliche Konfessionen teilen sich diesen Komplex und jeder hat seinen Teil auf seine eigene Art und Weise eingerichtet. Mehrere Nachbildungen des Grabes Jesu sind zu bestaunen und das ganze wirkt wie ein merkwürdiges Ergebnis sich uneiniger Innenausstatter. Beeindruckend ist es jedoch allemal, nicht zuletzt weil wir noch nie so extreme Darstellungen von Aberglauben gesehen haben. Menschen stehen in Schlangen, um gewisse Reliquien wie einen Stein von dem Berg auf dem Jesus gekreuzigt wurde zu küssen. Er befindet sich unter einem Altar und so sieht man einfach nur viele Menschen unter einen Tisch krabbeln. Viele stehen an den Wänden, singen in sich hinein und fassen alles an was sie finden können. Wir sind auf jeden Fall entertained und bestaunen den Prunk ebenso wie die Besucher.
Als nächstes wollen wir zum Tempelberg, werden jedoch von israelischen Soldaten aufgehalten, die uns sagen, dass dieser erst morgen wieder für Touristen zugänglich ist. Auf dem Weg zurück durch die Gasse treffen wir Ronnie und Edda, zwei Deutsche, denen wohl gesagt wurde sie sollen es in einer Stunde nochmal versuchen. Die sei jetzt um, also sind wir alle etwas ratlos. Dann finden wir jemanden, der weiß, wo wir hin müssen.
Über den Platz an der Klagemauer, die wir auf diese Weise auch direkt sehen, gelangen wir hinüber zu einer großen überdachten Holzrampe. Hier gibt es nochmal Sicherheitskrontrollen und dann dürfen wir hinauf und die Al Aqsha Moschee sowie den Felsendom bewundern. Dieser Teil der Stadt wird nicht von Israel kontrolliert. Später werden wir jemanden treffen der uns sagt, Jordanien hätte die Hoheit dort. Alles sehr neu für uns. Als Jude darf man wohl gar nicht mehr auf das Plateau. Philipp muss auf jeden Fall seine Tattoos verdecken, was er so halb befolgt. So stehen wir also da, 5 Deutsche im Mittelpunkt des Nahostkonflikts. Man merkt erstmal nicht ungewöhnliches, die Moschee und der Dom sehen wunderschön aus und wir machen fleißig Fotos. Als Simon eins von Ronnie und Edda macht, hören wir eine laute Stimme, die ruft: “No hugging!”
Nach mehrmaligem Wiederholen verstehen wir und die Beiden stehen nun etwas verloren nebeneinander, grinsen aber immer noch.
Wir laufen einmal um den Dom herum und schon werden wir wieder heruntergeschickt, die Besuchszeit ist vorbei und das Gelände ist nun wieder ausschließlich für Moslems zugänglich. Wen die Wachen nicht kennen, der muss im Zweifel seine Dokumente zeigen oder seine Gegenüber mit muslimischen Fachwissen überzeugen. Als wir durch eines der 11 Tore hinausgehen, sehen wir eine dieser Situationen: Zwei Frauen wedeln mit bunten Papieren, sagen etwas auf Englisch, während ein Soldat versucht ihnen auf arabisch Fragen zu stellen und scheinbar nicht zufrieden ist.
Wir verabreden uns mit Ronnie und Edda für später am Abend und machen uns auf zu unserer nächsten Station. Die Davidstadt liegt im Süden der Altstadt und wir verlassen diese durch das Dung Gate.
Laut der uns ausgehändigten Broschüre beginnt hier die Geschichte Jerusalems, als König David vor über 3000 Jahren Hebron verließ und hier die vereinigte Hauptstadt der Stämme Israels etablierte. Sein Sohn Salomon erbaute Jahre später den ersten Tempel auf dem neben der Stadt gelegenen Berg Moriah, wo wir gerade her kamen.
Heute ist hier eigentlich nur eine riesige Ausgrabungsstätte, in der man aber einige interessante Dinge machen kann. Wir entscheiden uns für eine kleine Wanderung durch die unterirdischen Tunnelsysteme. Hezekiah hat diesen Tunnel gebaut, um das Wasser nicht aus der Stadt heraus, sondern in einen extra angelegten Pool fließen zu lassen. So konnten Belagerer der Stadt das Wasser nicht nutzen. Ziemlich clever finden wir und ziehen uns erstmal die Schuhe aus, denn in diesem Tunnel steht nach wie vor das Wasser bis zu 70cm hoch. Es wird meist gebückt gelaufen und das für eine halbe Stunde, da der Tunnel 523m lang ist.
Außerdem braucht man Taschenlampen! Wir haben unsere Powerbanks dabei, die auch eine gute Leuchte eingebaut haben. Einmal machen wir diese auch aus und stehen in kompletter Finsternis. Das verrückte Gefühl an diesem Ort wird verstärkt dadurch, dass hinter uns eine Gruppe von wohl sehr religiösen Frauen den Tunnel durchquert und so schallt ein monotones Haleluja-Gesinge zu uns nach vorne.
Platsch, platsch, platsch, haleluuuuuuuuuja! Wirklich ein Erlebnis der besonderen Art.
Zurück geht es auch unterirdisch durch einen nun aber erleuchteten und trocken Tunnel, vorbei an aktiven Ausgrabungsorten und sogar einer kleinen unterirdischen Seilbahn, die Erdsäcke oder ähnliches transportiert. Es wurde immer skurriler.
Endlich wieder an der frischen Luft finden wir einen guten Platz zum Hummus essen in der Altstadt und begeben uns zum Sonnenuntergang auf den Zion Berg. Hier befindet sich die sehr schöne Dormitio-Abtei, das Grab Davids und angeblich der Raum des letzten Abendmahls. Eigentlich wird mit Zion in der Bibel der Tempelberg gemeint, aber der Berg der heute Zion heißt liegt südwestlich davon. Alles super kompliziert hier!
Wir genießen die Aussicht und schießen ein paar Abendstimmung-Fotos. Es folgt eine vergebliche Suche nach Schindlers Grab, da der Friedhof bereits geschlossen ist und schon sind wir wieder in der Altstadt. Wir laufen über geheime Treppen und Dächer und fühlen uns schon wie zuhause hier, verlassen das Gebiet durch das Damaskus Tor und laufen noch 5 Minuten bis zum Putin Pub. Da hat jemand erkannt dass diese Stadt noch mehr kontroverse Dinge benötigt.
Ronnie und Edda sitzen schon mit einem Bier in der Hand draußen am Tisch und begrüßen uns freudig. Wenig später gesellen sich dann zwei weitere Deutsche in die Runde.
Florian und Jannes kommen aus Berlin und sind nicht das erste Mal in Israel. Die beiden erzählen uns viel über ihre Erfahrungen als Juden in Deutschland und über Israel und das Judentum generell. Wir bleiben bis um 3 Uhr draußen und haben einen wirklich wunderbaren Abend mit genug Alkohol, interessanten Menschen und immer wieder wirklich tiefgreifenden Unterhaltungen über Glaube, Religion und die Situation in Israel.
Nach diesem wirklich ereignisreichen Tag fallen wir halbtot ins Bett und freuen uns wie immer auf morgen. Vielleicht schlafen wir wieder etwas länger als geplant ;)















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