Zwiebeltürme und pralle Farben

18.05

Augen auf und rein in den Tag! Ich fühle mich ausgeruht, trotzdem macht mir die Radsituation Bauchschmerzen. Erst gegen Mittag/Frühabend solle ich anrufen, da es Samstag und damit Shabbat in Israel ist, was bedeutet das in Tel-Aviv heute keiner arbeitet. 

Also bleibt mir nichts übrig als mir eine schöne Zeit zu machen. Ein schnelles Omelette zum Frühstück, dann hinaus und rein in den Tag. Es ist herrliches Wetter, 23 Grad und wolkenlos. Mich zieht es direkt auf die Brücke neben dem Hostel, von der man sowohl einen tollen Blick auf den Kreml, als auch auf die Erlöserkathedrale hat. Dann geht es die Treppen hinuter ans Wasser und entlang der roten Kremlmauer Richtung des ebenso roten Platzes, dem Zentrum Moskaus. 
Einmal nach links an der Mauer vom Fluss weg abbiegen und man steht direkt vor der Basilius-Kathedrale mit ihren vielfarbigen Zwiebeltürmen. Ich bin in Schockstarre ob der vielen Sehenswürdigkeiten an einem Ort. Diese verstärkt sich noch als ich mittig auf dem Platz stehe und nicht weiss wo ich zuerst hingehen soll. Nach links zum Kreml, geradeaus zum historisch-nationalen Museum, nach rechts ins Traditionskaufhaus Gum oder zurück zur Kathedrale. Alles ist in starken, hellen und farbenfrohen Tönen gehalten, es fühlt sich lebensbejahend an. 

Die Wahl fällt nach langem Bestaunen auf das Museum, da die Schlange dort am kürzesten ist. Zwar verstehe ich nicht viel von der Ausstellung, trotzdem sind die Räumlichkeiten allein vom Design und der Bauweise her einen Besuch wert. Nach einer Stunde verlasse ich das wundervolle dunkelrot und weiss angemalte Museum und schlendere zum Ticket Center des Kreml. Hier drängele ich mich ganz feist vor und ergattere eine Führung durch die Rüstkammer und den Diamantenschatz um 14 Uhr. Also noch eineinhalb Stunden Zeit. Zunächst suche ich etwas zu essen und versuche mein Glück im Kaufhaus Gum. Es ist imposant und so ziemlich alles was Rang und Namen hat betreibt ein Geschäft hier, Essen suche ich allerdings vergeblich. 

Dafür finde ich bei MTC eine Sim-Karte für 700 Rubel, umgerechnet 10 Euro, welche mir für einen Monat unlimitiertes Internet gewährt. Das passt mir und zusätzlich bekomme ich noch 100 Freiminuten in Russland geschenkt. Perfekt für das Warten in Hotlines denke ich mir! 

Etwas zu früh betrete ich dann den Kreml durch ein Seitentor, welches direkt zur Rüstkammer führt. Um den restlichen Kreml zu sehen muss ich ein extra Ticket kaufen, hier wird gut Geld gemacht. Die Rüstkammer an sich ist beeindruckend und auch die vielen Schätze des Diamentenfundes verfehlen ihre Wirkung auf mich nicht, allerdings will ich auch den Rest sehen und so heisst es eine Stunde später wieder vordrängeln. Wie wir wissen siegt Dreistigkeit und so habe ich nach fünf Minuten mein Ticket und darf mit vielen anderen auf das Hauptareal. Die vier Basiliken mit den vielen Goldtürmen welche vom Sonnenlicht angeleuchtet werden, kreieren eine besondere Athmosphäre, welche nur von den Wachmännern mit ihren Trillerpfeifen gestört wird, wenn mal wieder ein Tourist die offiziellen Wege verlassen hat um ein Foto zu schiessen. 

Nach dem sich die Sonne schon stärker neigt, mache ich mich auf und schlendere am Bolschoi-Theater, was nichts anderes als „großes Theater“ bedeutet, zurück Richtung Hostel. Ich habe Hunger, die Fahrradthematik will geklärt werden und zudem brauche ich eine lange Hose. Auf dem Weg bekomme ich eine Nachricht von Natalia, einer meiner in Sankt Petersburg lebenden Freundinnen. Sie hat eine Freundin in Moskau, welche mich heute Abend mit auf die Moskauer Museumsnacht nehmen würde falls ich Lust hätte. Ich bin sehr froh über diese Möglichkeit und verabrede mich mit Anna für 18:00 zu einem Jazz-Konzert welches in einem der Museen stattfindet. 

Im Hostel erfahre ich von der Hotline, dass mein Rad morgen früh um 5:10 Uhr in Moskau ankommen wird und ich daher morgen gegen 10:00 Uhr nochmals anrufen soll. Also gut, dann mache ich das so. 
Ich husche auf die Arbat-Street zu Mu-Mu, ja dieser Laden heisst wirklich so, esse etwas und gehe dann zügig Richtung des Museums. 

Überall treten heute kleine Bands in den Straßen Moskaus auf, ich bleibe immer wieder stehen und singe die populären Songs mit. Schon jetzt bin ich vom Lebensstil in Moskau begeistert. Zudem ist es trotz seiner Größe gut geordnet, sodass selten Hektik entsteht. Am Museum angekommen höre ich schon die Klänge der Jazz-Musik, Anna verpätet sich jedoch etwas und so warte ich im Hof und lausche dem Geklimper. Gegen 19 Uhr sind wir dann alle zusammen und gehen hinein. 
Bei dem Konzert handelt es sich um eine Impro-Session, immer wieder wird in verschiedenen Kombinationen gespielt, ich finde es toll! 

Anschließend geht es zum Bestaunen des letzten Sonnenlichts auf eine Rooftop-Bar, in der es vor allem starkes russisches Bier mit dem Namen „atomare Waschmaschine“ gibt. Ein Glas später weiss ich warum das Bier so heisst, die 10,5 Prozent sind ziemlich deftig. 
Nun folgt das zweite Museum der noch jungen Nacht. 
Es behandelt die Themen Multimedia und Fotografie. Als wir eintreten legt im Erdgeschoss ein DJ auf und in den oberen Etagen befinden sich Ausstellungen mit Schwarzweiß-Fotografien. Dieser Ort gefällt mir besonders, wir tanzen ein wenig und philosophieren über die Bedeutung der Bilder für den Künstler, dann geht es zur letzten Station, einem ziemlich hippen Museumskomplex in einem Hinterhof, mit dem Schwerpunkt Bildhauerei. Die Backsteinfassaden der Gebäude, die herumstehenden Exponate und die dort stattfindenden Performances gefallen mir gut, leider ist hier alles auf russisch und manche Dinge sind selbst für Anna schwer zu übersetzen. 

Ich würde gerne noch länger bleiben, angesichts von fast 25 glaufenen Kilometern am heutigen Tag überfällt mich aber dann doch die Müdigkeit. So geht es heimwärts mit noch einem kurzen Stop an der Erlöser-Kathedrale um von dort aus die Moskauer Lichter bei Nacht zu bewundern. 

Irgendetwas hat diese Stadt, jedenfalls fühle ich mich direkt heimisch. Zuletzt hat das nur Budapest vermocht. Mit diesen Gedanken und der Vorfreude auf den morgigen Tag gehts in die Federn, die Uhr zeigt 1:01 Uhr. 
























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